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Facebook Graph Search – Neue Suche, neue Regeln?

16. Januar 2013 in Social Media | 2 Kommentare

Facebook Social Graph SearchAm 15. Januar gab Facebook auf einer Pressekonferenz bekannt, die neue Facebook-Suche würde in die Beta-Phase gehen. Zuerst einmal aus Sicht eines Suchmaschinenoptimierers kein spektakulärer Event. Die bisherige Facebook-Suche war so schlecht konzipiert, dass sie eigentlich komplett zu vernachlässigen war. Diese Zeiten könnten jedoch vorbei sein, soll doch die neue Suche namens „Facebook Graph Search“ so zahlreiche neue Möglichkeiten bereithalten, dass sich das Suchverhalten vieler Nutzer grundlegend ändern könnte.

Viel Konjunktiv und das aus gutem Grund: die Facebook Graph Search ist aktuell nur gegen Anmeldung und per Warteliste verfügbar. Eine Vorab-Auswertung dieses Features, um sagen zu können, was die Nutzer und Unternehmen in Deutschland erwarten wird, stützt sich folglich auf eine recht dünne Basis. Dennoch soll der Versuch hier mit Bezug auf einige bereits veröffentlichte Testberichte unternommen werden. Letztlich handelt es sich dabei um eine vielleicht weitreichende Neuerung, deren weitere Entwicklung sicherlich verfolgt werden sollte.

Was kann Facebook Graph Search?

Nach allem, was man von den ersten Versuchen mit der neuen Suchfunktion lesen darf, handelt es sich dabei um eine Suche, die mit nichts von dem verwandt zu sein scheint, was man bisher als „Internetsuche“ bezeichnen durfte.

Während Google und andere Suchmaschinen bis dato vor allem Inhalte von Webseiten und deren Beziehung untereinander als Grundlage des Rankings für eine Suchanfrage benutzen, geht Facebook hier ganz andere Wege. Facebook interessiert sich in seiner Suche weniger für Websites, sondern vielmehr für Personen, Orte und Dinge. Websites werden nicht ausdrücklich ausgeschlossen. Ob aber eine Website in den Suchergebnissen erscheint oder nicht, hängt zuerst einmal davon ab, wie diese mit Personen, Orten oder Dingen in Beziehung gesetzt werden kann. Klingt kompliziert? Ist es eigentlich gar nicht.

Wie Google auch verfügt Facebook über eine Unmenge an Daten. Während sich Google jedoch über die Jahre einen Datenbestand aus Texten, Bildern und Links aufgebaut hat, verfügt Facebook über ganz andere, eben auf Personen und Orte bezogene Informationen. Facebook kennt unter anderem das Alter, Geschlecht, den Arbeitgeber, den Bildungsstand, die Interessen, die besuchten Orte, die sozialen Verknüpfungen einer Person. Das alles sind nur einige Informationen, welche Facebook über die Jahre durch die Nutzer selbst gegeben wurden.

Während eine Suche nach einem passenden Restaurant für den Hochzeitstag aktuell wohl eher auf Google stattfindet und typischer Weise die Form „Restaurant Bremen romantisch“ hatte, könnten sich solcherlei Suchanfragen in Zukunft vielleicht in Richtung Facebook verlagern. Hier würde man aber jetzt nach „Restaurant in Bremen, das verheiratete Leute mögen“ fragen. Die Suche würde auf diesem Wege das Restaurant zeigen, dessen Fanpage oder Facebook-Place die meisten Likes und Check-Ins von verheirateten Facebook-Nutzern aus Bremen vorzuweisen hätte.

Im Prinzip lässt sich so jede Information, welche Facebook in seinem Datenbestand hält, für eine Suchanfrage und eben auch für eine Relevanz-Berechnung verwerten. So lässt sich nicht nur erfragen, welche Musik von Apple-Usern bevorzugt wird, sondern auch, was bestimmte Berufsgruppen präferieren.

Facebook Social Graph Search Box

 

Welche Unternehmen wird das betreffen?

So wie sich die Facebook Graph Search in ersten Testberichten präsentiert, ist es durchaus möglich, dass sich eine Einführung in Deutschland mittelfristig auch auf Strategien im Online Marketing niederschlagen wird. Vorausgesetzt, die neue Suchfunktion wird von den Nutzern im großen Stil angenommen, wird lokale Suchmaschinenoptimierung zukünftig vielleicht schwerpunktmäßig auf Facebook stattfinden.

Gerade lokale Unternehmen könnten in Zukunft ein gesteigertes Interesse daran entwickeln, in den Facebook Suchergebnissen so präsent wie möglich zu sein. Das Restaurant-Beispiel ist nur eine der vielen Möglichkeiten, die eine so gestaltete Suchfunktion hergibt. Wer in Zukunft einen Baumarkt sucht, welcher über ein großen Sortiment an Gartenzubehör verfügt, wird vielleicht nicht mehr „Baumarkt Bremen Gartenzubehör“ googeln, sondern Facebook nach „Baumarkt in Bremen der Leuten gefällt, denen „Mein schöner Garten“ gefällt“ fragen.

Funktioniert alles wie versprochen und geplant, würde hier ein Baumarkt gezeigt, der von vielen ausgesprochenen Gartenliebhabern bevorzugt wird. Lokal operierende Unternehmen scheinen vor allem von der bevorstehenden Neuerung betroffen.

Prinzipiell kann eine populär gewordene Facebook Graph Search aber für jedes Unternehmen relevant werden, dessen primäre Zielgruppe sich anhand bestimmter, Facebook zur Verfügung stehender Informationen ansatzweise definieren lässt. Das Spektrum möglicher interessanter Suchanfragen scheint hier groß. Welcher PC-Hersteller will nicht gern für die Suchanfrage „Notebook, das von Leuten gemocht wird, die auch MacBook mögen“ ranken?

Und wann kommt Bing ins Spiel?

Natürlich ist es auch Möglich, eine Suchanfrage so zu formulieren, dass sich auf Facebook selbst keine Antwort findet. Eben dann, wenn keine Fanpage zur Suchanfrage passt, oder keine Facebook-Daten für eine Relevanz-Berechnung verwendet werden können. An diesem Punkt kommt ein großer Facebook-Partner ins Spiel: Bing.

Microsofts Suchmaschine arbeitet bereits seit längerem mit Facebook zusammen und ist schon jetzt in der Facebook-Suche präsent. Dass dies bisher für Bing nicht den Erfolg gebracht hat, den man sich im Vorfeld vielleicht erhofft hatte, lag vor allem daran, dass die Facebook-Suche, wenn überhaupt, eher als Direct-Match-Suche genutzt wurde. Man suchte Personen oder Unternehmen indem man den Namen der Person oder des Unternehmens eingab. Das ist zum einen wenig spektakulär, zum anderen aber auch wenig fruchtbar für Bing.

Dies könnte sich aber dann ändern, wenn die Facebook-Suche in der Breite angenommen wird und dies dazu führt, dass sich Suchgewohnheiten ändern. Sollte die Facebook-Suche tatsächlich relevant werden, kann Bing unter Umständen einiges vom hohen Volumen abgreifen. Die Erklärungen von Bing dieses Thema betreffend, klingen bereits jetzt recht euphorisch. Stolz wird erklärt, dass in Zukunft auch Bing-Treffer in der neuen Facebook-Suche aufgeführt werden – versehen mit Angaben zu Likes und Shares aus Facebook. Auf diesem Wege könnten für Bing die Social Signals tatsächlich noch zu einem der wesentliche Rankingfaktoren werden.

Und was ist mit Google?

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob Facebook Graph Search Google wird Konkurrenz machen können. Es scheint klar zu sein, dass die Facebook-Suche kein Klon der Google Suche ist. Die zugrunde liegenden Überlegungen und Daten und die daraus resultierenden Möglichkeiten unterscheiden sich dafür zu stark.

Die Facebook-Suche wird für Suchanfragen wie „Schuhe günstig kaufen“ keine besseren Ergebnisse liefern als Google. Auch die Tatsache, dass in solchen Fällen Bing einspringt, wird nur wenige dazu bewegen, ihr Suchverhalten zu ändern. Interessant wird es dennoch werden.

Nehmen wir einmal an, die neue Form des Suchens wird von den Nutzern angenommen und die Nutzer finden Gefallen daran, „Schuhhersteller die auch allen meinen weiblichen Freunden gefallen“ zu suchen. In einem solchen Fall hätte Facebook bereits einen wichtigen Schritt in Richtung ernst zunehmende Google-Konkurrenz gemacht.

Die Suche nach einem Onlineshop für Schuhe würde nicht mehr, wie gewohnt, auf Google beginnen, sondern auf Facebook. Facebook kann hier Informationen liefern, mit denen Google schlicht nicht aufwarten kann. Was also hindert diesen Nutzer jetzt daran, nachdem die richtige Marke auf Facebook gefunden wurde, dort auch nach einem Onlineshop zu suchen – wie gewohnt mit „Tamaris Schuhe kaufen“. Das wäre eine typische Google-Suchanfrage, die dann auf Facebook durchgeführt würde und von Bing bedient wird.

Hat Facebook also die bessere Suche?

Sicher wird Google die Beta-Phase aufmerksam verfolgen und auch genau beobachten, wie die Suche angenommen wird, wenn Sie erst einmal allen Nutzern zur Verfügung steht. Man wird sich dennoch der Tatsache bewusst sein, dass Facebook hier eine tolle Idee, aber vielleicht doch zu wenig Daten hat, um all das konsequent durchzuführen.

Gerade bei lokalen Suchen, auf denen der Schwerpunkt scheinbar liegen wird, könnte Facebook in vielen Bereichen an einer zu dünnen Datenbasis scheitern. Wie viele Daten wird Facebook wohl für die Suchanfrage „Proktologe in Bremen der auch meinen Freunden gefällt“ zur Verfügung haben? Wie viele Likes und Check-Ins wird ein Proktologe im Durchschnitt wohl generieren? Eine genaue Erhebung muss erst einmal verschoben werden, jedoch erstreckt sich das hier angedeutete Problem auch auf weniger exotische Fälle. Wie viele Ehepaare checken im Verlauf eines romantischen Abendessens per Facebook im Restaurant ein?

In vielen Fällen, die das vermeintlich anvisierte lokale Kerngeschäft von Facebook betreffen, wird Google Local wohl die besseren Ergebnisse liefern. Vorteile hingegen wird Facebook bei den Suchanfragen haben, bei denen der Fokus auf sozialen Aspekten liegt.

Fazit

Wenn Facebook ein erfolgreicher Launch des neuen Features auf breiter Ebene gelingen sollte, wird die Zukunft der Suchmaschinen-Welt spannender, als die bisherige Dominanz von Google erwarten ließe. Wirklich erfolgreich wäre die Facebook Graph Search dann, wenn sich das Suchverhalten tatsächlich in einer Weise ändern würde, wie im Schuh-Beispiel beschrieben. Sollten die Nutzer beginnen, Ihre Suche nach z.B. Produkten mit einer sozialen Fragestellung („Was wird von meinen Freunden/Kollegen/erfolgreichen Menschen/… gemocht“) zu beginnen, spricht nichts dagegen, dass diese ihre Suche auch in Facebook fortsetzen werden. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg, auf dem viele Probleme zu bewältigen sein werden. Vorerst wird also wohl Google das Synonym für Suchen im Netz bleiben.

 
 

Kommentare

Sehr gut geschrieben. Und vor allem: Tolle und interessante Überlegungen. Ich denke, um das Potenzial einschätzen zu können kommt es jetzt vor allem erst einmal darauf an, verschiedene Möglichkeiten durchzuspielen. Daher ist der Konjunktiv hier auch genau angebracht. Danke Tino. You made me think! 🙂

Prinzipiell gut zusammengefasster Artikel zum Facebook Search Graph, aber mit der Anzahl an Thesen und wagen Vermutungen, können wir uns eigentlich nur überraschen lassen von der Entwicklung. Ich befürchte nur fast, dass sich das Suchverhalten der User nicht ändern wird – zumindest nicht in absehbarer Zeit…

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